ein kleiner held

Als mein Großvater starb, vererbte er mir fünf Dinge. Nun sitze ich da mit Lolos Schirmmütze auf dem Kopf, seinem alten Koffer gefüllt mit uralten Drucken von Kleists Werken neben mir und in meiner Hand ein Berlin-Reiseführer von 1918, warte auf den Zug in seine alte und meine neue Heimat und bin doch nicht in der Lage diese Bücher zu lesen, denn sein größtes Geschenk geht mir unentwegt durch den Kopf. Viele seiner Geschichten sind lustig, manche auch traurig, doch keine gleicht seiner geheimsten, der verschwiegenen, in ihrer Brisanz für den kleinen Jungen, der scheinbar auch er einmal gewesen ist. Mein Großvater sagte: „Man sagt, ich wäre an einem schönen Tag im Winter geboren worden, aber das kann ich mir nicht vorstellen, denn im Dezember hat es immer geschneit.“ Aber er sagte mir nie, welches Wetter war, welche Jahreszeit, nicht einmal das Jahr, in dem sich folgendes zutrug oder die Entfernung zum Kriegsende und niemals hatte ich das Bedürfnis, diesbezüglich zu recherchieren. Es erschien mir stets unnötig, solchen Kleinigkeiten nachzugehen, geradezu dreist, sich darüber Gedanken zu machen, denn das wichtigste schien mir immer zu sein, dass es dunkel war, nachts, vielleicht auch abends, jedoch sicher spät genug für den kleinen Lolo zu schlafen, denn er erwachte vollkommen herausgerissen aus seinen ruhigen Träumen. Ihn hatte ein Lied geweckt, das er noch nie zuvor und auch später nie wieder gehört hatte und hören sollte, an dessen Wortlaut er sich nichtmehr erinnerte oder den er für zu unwichtig erachtete, um ihn zu erwähnen. Verschlafen öffnete er seine Augen, wusste nicht, was in der Nacht vor sich ging und blickte sich in seinem Zimmer um. Es summte weiter und seine Blicke folgten dem Klang, bis er schließlich doch den Sänger entdeckte: Am Fußende seines für ihn viel zu großen Bettes hockte ein Mann. Ein sehr kleiner Mann, nicht einmal die Hälfte seiner selbst. Der summte und erfreut, so sagte mein Großvater stets, zu ihm hinüber sah. Man weiß nicht mehr über diesen Mann, als dass seine Gestalt klein und seine Stimme hoch und dennoch angenehm war. Ein Flüstern, das jedoch bestimmt und entschlossen klang, als es den kleinen Lolo aufforderte, aufzuwachen und sofort in den Bunker zu gehen. Dieser musste wohl sehr überrascht gewesen sein, zu so später Zeit noch Besuch zu haben, vielleicht sogar ein wenig geschockt, denn wann sieht man schon einmal einen so kleinen, singenden Mann? Im Krieg waren diese wohl aber nicht so selten, zumindest wenn man auch Grass und nicht nur meinem Großvater Glauben schenkt, und so war Lolo vielleicht nicht so bang ums Herz, wie es bei manchen Kindern, heutzutage der Fall wäre. Er zog sich also nicht erst an, sondern ging gleich zu seinen Eltern. Die Familie war demnach schon wach und im Begriff zur Tür zu gehen, als die ersten Bomben der Nacht einschlugen. Während andere noch in ihren Betten lagen, oder bereits unter Trümmern, stiegen die D.'s also schon die Treppe hinunter und hinein in den Bunker, der bald überfüllt war und einige Menschen draußen im Feuerregen stehen ließ. Der kleine Mann hatte seine Arbeit getan und war nie wieder gesehen.

30.4.11 02:19

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(24.5.11 17:31)
schön ♥


(7.7.11 00:55)
wann gibts neues?


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